Evo's World: Quo Vadis, SAMCRO?
Ui, beim letzten Mal hab ich gesagt, der Frühling sei nicht mehr weit ... vielleicht liest ja jemand auf Ride Free mit, der höhere, uns leider nicht zugängliche Mächte, inne hat. Und der hat sich erinnert, dass er noch Winter anknipsen muss in unserer Bananenrepublik.
Bedauerlicherweise hemmt die aktuelle Witterung die Fortschritte mein eigenes Bike für die bevorstehende Saison vorzubereiten. Die heimische Garage gleicht momentan eher einem Iglu mit 35°. Nein, nicht Celsius, sondern Kelvin.
Was macht einer wie ich dann? Richtig, Bier holen, Telefon ausstöpseln und sich an einem Wochenende die komplette 4. Staffel der megahypen und schwerstens angesagten Rockerbande aus Charming angucken. Man muss ja schließlich wissen, wie es weitergeht, nachdem man Samcro teilweise eingekerkert hatte.
Ich räume ein, dass mich die Story über die Kleinganoven aus Charming/California ziemlich beeindruckte. Ich fand sie cool gemacht, die Mucke geil und die Geschichte als solche war so actionreich wie hanebüchen. Irgendwo war dann auch noch ne Message drin, von wegen alle sollen cool und lieb sein. Vor allem zueinander. So hats der gute Jax gelesen, in den Manuskripten seines Paps.
Nachdem man Samcro nach 3 Jahren aus der Haft entlies, donnerten sie also endlich wieder durch mein Wohnzimmer. Die Klobrillen im Jail waren immer noch warm von Samcros Arschbacken, da hatten die Junx um Clay und Jackieboy schon wieder soviel Scheiße am Hacken, das reicht so manchem für 2 Leben. Ich will hier gar nicht ins Detail gehen, weil das in allen möglichen Foren und Clubhäusern schon zur Genüge getan wird. Außerdem will ich nicht vorgreifen und den Leuten, die es noch nicht gesehen haben, Einzelheiten verraten. Nur soviel - es gab viele Überraschungen, viele Tote, einige neue und fast alle alten Leute. Außer Agent Stahl. Die dürfte zum Teil beerdigt sein und der Rest von ihr sickert vermutlich noch immer durch die Lüftungskanäle des Autos, in dem sie zuletzt saß. Nee, gar nicht, ist ja nur Film. Aber ...
... nicht zum ersten Mal begeistert eine Serie ein Millionenpublikum. Die Staffeln wurden ja nun von nem deutschen Sender gekauft. Inzwischen läuft sie synchronisiert im Internet, was nach meinem Dafürhalten sehr dienlich sein wird, einen geeigneten Sendeplatz zu finden. Ist das Ding erst mal im TV zu sehen, wird das schätzungsweise auch in unseren Gefilden ein gern gesehener Zeitvertreib. Tja, und der treue (deutsche) Gucker will dann auch cool sein. Er wird sich dem Merchandising bedienen wie er es auch bei seinem Lieblingsbier, Lieblingsmotorrad, Lieblingsclub oder Lieblingswasauchimmer tut.
Wie es sich für eine gut funktionierende Merchandisingmachine gehört, verkauft sich der Samcro Krempel genau so gut wie das knusprige Röggelchen vom Großbäcker Kamps im Dreierpack. Basecaps, Shirts und all den ganzen Kram der SoA sieht man immer mehr und immer öfter. Und an wem? Genau, an Leuten die Samcro geil finden, dazu gehöre ich auch ... aber ich zieh die Brocken nicht an. Die Leute, die das geil finden und auch anziehen, haben bei näherer aber verhaltener und doch subjektiver Betrachtung keinen blassen Schimmer, was sie da eigentlich tragen. Mann, das is ne Fernsehserie!!! Damit ist der Punkt erreicht, an dem ich mir Gedanken mache. Im wahren Leben passieren viele Dinge mit Patchholdern, dies kann man den Medien täglich neu entnehmen und das nicht erst seit gestern. „Die“ Szene umgibt etwas Böses, Einzigartiges, latent Gefährliches. „Sie“ hat viele Facetten zu bieten, bietet viel Platz und Raum für irrwitzige Interpretationen und grenzenlose Spekulationen. Dieser viele Platz und Raum wird natürlich vollumfänglich ausgenutzt.
Erfahrungsgemäß steckt sich der Deutsche gern mal fremde Federn an den Hut. So macht er sich zum Beispiel gerne zugehörig einer Gruppierung, mit der er eigentlich nix am Hacken hat. Dies kann zum einen verbal erfolgen oder durch demonstratives zur Schau stellen einer oder mehrere der vielen Erkennungszeichen, die dem der Lieblingsgruppe ähneln oder deren Namen tragen. Da wird ein gekauftes Shirt zu einer Trophäe. Man muss nur die passende Geschichte dazu erzählen und das solange und oft, bis man sie selbst glaubt. Und mit einem Mal wähnen sie sich als Mitläufer mit tiefen Einblicken und Erkenntnissen, sowie besten Kontakten in „die“ Szene.
Und nun kommt der Kurt Sutter daher und benebelt die Deutschen mit SEINER Interpretation „der“ Szene. Der pfiffige Kurt hat natürlich schon Mützen und Shirts fertig gemacht für den Versand. Seine Rechnung geht auf, man reißt es ihm aus den Händen. Das T Shirt mit dem Reaper als Backprint fand ich schon haarig. Was dem Fass aber die Krone ins Gesicht ballert, sind komplette Jacken mit allem Drum und Dran. 3 teiliges Patch mit MC Logo, Side Rocker und das ganze Tamtam. Ich wette ne 3/8 Zoll Snap On Ratsche und die abgelaufene HOG Member Karte von Hein Gericke persönlich. Und zwar darauf, dass mittelbar nach der Ausstrahlung der ersten Hälfte der ersten Staffel, also quasi in etwa einem Jahr, die Sons of Anarchy uns alle Nase lang begegnen werden. Ganz sicher in komplettem Ornat und ganz bestimmt gibt’s auch bald Germany Bottom Rocker für die Gesellen. „Hey, wie geil ist das denn? Ich brauch nicht bei unserem local Club Probe laufen, ich kauf mir einfach nen Samcro Kittel. Da bin ich Member vom ersten Tag, kann alle Ämter bekleiden und mir geht keiner auf den Sack.“
Richtig, bis auf den Punkt mit „auf den Sack gehen.“ Ich denke, nein, ich hoffe! die Zahl derer, die solchen Lappen dann auf den Sack gehen, ist um ein vielfaches höher, als die Zahl der echten Member wäre, die ihre Prospects auf Herz und Nieren prüfen.
Vieles hat sich verändert. Beispielsweise die Selfmade-Free-Knallkopp-Colors der Bikers News und anderer Anbieter sind inzwischen zwar immer öfter anzutreffen und relativ etabliert, aber ernst nehmen tut die glaub ich kaum einer, der sie nicht trägt. Mit den SoA Anoraks wird das nicht anders sein.
Oh fuck, jetzt hab ich mich wieder total schwindelig gelabert. Was ich eigentlich sagen wollte: Das, was Kurt Sutter sich ausgedacht hat, ist in meinen Augen ein maßlos überzogener, aber sehr effektvoller Einblick in ein Leben, was niemand wirklich führen will. Pausenlos und ohne Rast ist wirklich jeder der Akteure damit beschäftigt, seine Brände auszutreten. Wer dann wen für Geld oder was auch immer ans Messer oder an andere ausliefert, die demjenigen dann auch zufälligerweise habhaft werden wollen, ist schon sehr, sehr erstaunlich. Familienmitglieder des Clubs zu töten, um seinen eigenen Ruhestand vorzubereiten und genießen zu können ... Mann, das kriegste doch niemandem erklärt! Allerdings kriegste auch niemandem erklärt, wie man mit ehrlicher Arbeit und regelmäßiger Beitragszahlung in die Rentenkassen seinen Ruhestand sichern soll.
Liebe Samcro-Buddies: Tut uns und Euch einen Gefallen und zieht bitte nicht diese albernen Samcro Westen an. Den Respekt, der manchmal mit dem Tragen eines MC-Colors einhergeht, kann man nicht kaufen. Ratzfatz wird man dann zu Stepsons Of Hirachy.
No fight, no glory
Euer Evoluzzer
© Ride-Free & Evoluzzer - 10.02.2012

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